Thema des Tages

165 Sachsen gelten seit Monaten oder sogar Jahren als vermisst

Ein Viertel davon sind Kinder - Ein verschwundener Junge beschäftigt zum zweiten Mal die Polizei


Zwickau/Dresden. In Sachsen gelten derzeit 165 Menschen als vermisst, darunter 38 Kinder und Jugendliche. Laut Landeskriminalamt (LKA) gehen sie dann in die Langzeit-Vermissten-Statistik ein, die bis 1980 zurückreicht, wenn es von ihnen länger als ein Vierteljahr kein Lebenszeichen gibt. Bei den unter 17-Jährigen handelt es sich oft um Kindesentführungen ins Ausland, meist nach Trennung der Eltern, sagte LKA-Sprecherin Silvaine Reiche. Auch ungeklärte Unglücke oder Entführungen, wie die einer Familie aus Sachsen im Jemen, prägen diese Statistik. Vermisst gemeldet werde eine viel höhere Zahl von Kindern, allerdings tauchen 75 bis 80 Prozent nach spätestens einer Woche wieder auf. Das gilt meist auch für Ausreißer, die aus Kinderheimen ausbüxen - so wie Lukas Steuernagel (Foto). Allerdings ist der 15-Jährige nun schon seit vier Wochen spurlos verschwunden.

Der Junge, der eine Förderschule für Erziehungshilfe besucht und in diesem Jahr abschließen sollte, war am 11. Januar aus dem Gerd-Fröbe-Kinderheim in Zwickau ausgebüxt. Die Einrichtung hatte ihn erst im August 2009 aufgenommen. Sie wird vom Zwickauer Kinderhausverein betrieben und ist auf verhaltensauffällige Kinder spezialisiert. Lukas Steuernagel war dort in eine spezielle Jugendwohngruppe integriert worden, nachdem ihm mehrfach "Bindungsstörungen" bescheinigt worden waren. Warum er auch hier wieder ausriss, ist der Polizei bislang unklar. Schon 2005 hatte er als Zehnjähriger sieben Wochen lang Behörden und Polizei in Chemnitz auf Trab gehalten, nachdem er aus einem Chemnitzer Kinderheim spurlos verschwand. Sein Vater, der kein Erziehungsrecht besaß, hatte ihn damals bei einer Bekannten in Thüringen versteckt. Wochenlang fahndete die Polizei bundesweit und in den damals 14 Schengenstaaten mit großem Aufwand nach dem Kind.

Nach dem Vorfall wurde Lukas nacheinander in zwei Kinderheimen im Vogtland untergebracht. Auch dort soll es immer wieder Probleme gegeben haben. Die Schule besuchte er damals in Plauen, wo er nach Angaben der Großmutter Susanne Steuernagel bis heute auch Freunde haben soll. Als Vormund wurde ein Mitarbeiter des Jugendamtes eingesetzt, der die Umverlegung nach Zwickau maßgeblich befürwortet haben soll.

Der Vater, der sich 2007 vor Gericht in Chemnitz wegen "Entziehung Minderjähriger" verantworten musste, besitzt weder Erziehungs-, noch Umgangsrecht. Letzteres hat nur die Großmutter in Meerane. Bis 10. Januar verbrachte Lukas jedes Wochenende bei der 76-Jährigen.

Er sei immer samstags mit dem Bus gekommen und sonntags von ihrem Sohn mit dem Auto wieder zurückgebracht worden. So auch am Vortag seines Verschwindens. Beim Abschied habe sie ihn stets ermahnt: "Lukas, mach keine Dummheiten!", worauf er antwortete: "Mach dir um mich keine Sorgen, Oma!" In den Ferien habe er oft eine ganze Woche bei ihr verbracht. Sie mache sich große Sorgen, sagte Susanne Steuernagel der "Freien Presse". "Jeden Tag rufe ich seine Handy-Nummer an. Doch es ertönt nur die Mailbox." Der Junge habe eine enge Bindung zu ihr gehabt. "Dass es so lange kein Lebenszeichen von ihm gibt, macht mich krank." Sie glaubt, dass er im Vogtland die "falschen Freunde" hat, sie ihn ausnutzten oder gar zu kriminellen Handlungen drängten. Er sei ein eher ruhiger zurückgezogener Junge gewesen, der sich aber in Ermangelung einer eigenen Familie immer nach Freunden gesehnt habe.

Die Polizei hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung zum Verbleib des Vermissten. Er ist 1,80 Meter groß und von kräftiger Gestalt. Das gesamte Umfeld des Jungen sei bereits überprüft worden, sagte ein Polizeisprecher. Bisher ohne eine Spur.

Für Hinweise: 0375 4284480


Von Gabi Thieme

Erschienen am 09.02.2010


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